«Das Sorgerecht ist eine heilige Kuh»

Mit Max Peter sprach Bettina Weber.Quelle: Tages Anzeiger

Letzte Woche bestätigte Bundesrätin Simonetta Sommaruga, dass im Falle einer Scheidung neu das gemeinsame Sorgerecht die Regel werden soll. Was halten Sie davon?

Das gemeinsame Sorgerecht ist auf jeden Fall ein Fortschritt. Und ich bin überzeugt, dass es eine präventive Wirkung hat und Kinder weniger als Druckmittel missbraucht werden.

Wenn zwei nicht mehr miteinander reden können, hilft das doch auch nicht.

Richtig, es ist kein Allheilmittel. Bei sogenannt hochstrittigen Paaren wird es nicht funktionieren. Ich kenne Väter, die jetzt schon in den Startlöchern sind und sich die Hände reiben, weil sie finden, so, mit dem neuen Gesetz habe ich dann auch noch ein Wörtchen mitzureden. So geht das natürlich nicht.

Der erste Gesetzesentwurf enthielt Bussandrohungen für den Fall, dass Eltern sich nicht an Abmachungen halten, also zum Beispiel das Besuchsrecht verweigern. Diese Sanktionen wurden jetzt ersatzlos gestrichen. Sie hingegen hätten sie befürwortet.

Bussen sind nicht die perfekte Lösung, aber sie hätten immerhin signalisiert, dass man nicht mehr bereit ist, hinzunehmen, dass ein Elternteil sich querstellt. Heute hat das keine Konsequenzen, die Behörden geben sich machtlos. Und wer immer der Urheber dieser Zwistigkeiten ist, lacht sich ins Fäustchen, weil er haargenau weiss, dass sein Verhalten folgenlos bleiben wird.

Sie fordern mehr Zwang gegenüber Eltern, die nicht spuren?

Ich plädiere dafür, dass der Regelung der Kinderbelange gleich viel Aufmerksamkeit geschenkt wird wie der Regelung der materiellen Belange. Bis heute ist es aber so, dass man bei Verstössen gegen die Besuchsregelung die Schultern zuckt und sagt, tja, wenn ein Elternteil nicht mitmacht, kann man halt nichts machen, und sich mit dieser Feststellung begnügt. Ich verstehe nicht, weshalb es Sanktionen gibt, wenn jemand gegen die Bauordnung verstösst, aber keine, wenn sich jemand um die Abmachungen im Zusammenhang mit einer Scheidung foutiert. Wo doch alle immer betonten, wie sehr es ihnen ums Kindeswohl gehe!

Was schlagen Sie vor?

Man sollte abklären dürfen, ob der Elternteil, der sich wiederholt nicht an Abmachungen hält, überhaupt noch in der Lage ist, das Kindesinteresse wahrzunehmen. Mit der Konsequenz, dass man ihm, wenn man zu einem negativen Ergebnis kommt, die elterliche Sorge entzieht, die Obhut neu regelt oder das Besuchsrecht sistiert.

Das würde als massiver Eingriff empfunden werden.

Das soll es auch! Das Sorgerecht ist eine heilige Kuh, es gilt als unantastbar. Aber wenn jemand das Besuchsrecht verweigert oder nicht wahrnimmt, dann ist das keine Sache unter Erwachsenen. Dann ist das Kindesinteresse tangiert und zwar massiv, und das gehört sanktioniert. Das hat auch positive Folgen: In Frankreich, wo es seit 2002 solche Sanktionen gibt, hat ein gesellschaftliches Umdenken stattgefunden. Wer sich nicht an Abmachungen hält und damit seinen Kindern schadet, wird geächtet.

Worunter leiden die Kinder bei einer Trennung der Eltern am meisten?

Zunächst sehnen sich Kinder nach der heilen Welt. Man erzählt ihnen Geschichten über die Prinzessin und den Prinzen, die für immer glücklich sind. Und in einem sehr jungen Alter müssen sie erkennen, dass die Realität eine ganz andere ist. Dann ertragen sie die Streitigkeiten zwischen den Eltern sehr schlecht. Genauso wenn sie als Briefträger zwischen den Eltern missbraucht werden, also indirekt Botschaften übermitteln sollen: Ist der neue Freund von Mami immer noch dort? Hat Papi wieder Bier getrunken? Das ist Kindern unangenehm, sie getrauen sich aber aus Loyalität den Eltern gegenüber nicht, etwas zu sagen. Sie wollen es allen Seiten recht machen.

Können Kinder eine Scheidung unbeschadet überstehen?

Unbeschadet?

Sagen wir: Zumindest nicht schwerwiegend geschädigt.

Es ist möglich, trotz allem. Ich glaube nicht daran, dass jedes Scheidungskind für den Rest seines Lebens geschädigt ist. Aber es ist ein einschneidendes Erlebnis, eine Zäsur. Manche brauchen wenigstens punktuell fachliche Unterstützung und Begleitung.

Was machen Eltern, vermutlich oft nicht aus bösem Willen, am häufigsten falsch?

Sie verbieten etwa den Kindern, beim einen Elternteil über den anderen Elternteil zu sprechen. Damit kommen Kinder ganz schlecht zugange, weil von ihnen verlangt wird, die Mami- und die Papi-Welt strikt zu trennen. Das ist gang und gäbe und etwas vom Schlimmsten, das Eltern ihren Kindern antun können. Ein anderes Beispiel: In einer Familie wurde früher Rücksicht darauf genommen, dass der Sohn keinen Fisch mag. Jetzt hat der Vater eine neue Freundin und lässt es zu, dass diese Freundin sagt: Bei uns am Tisch wird alles gegessen. Das ist schlimm. Es ist für das Kind nicht nur der Fisch, sondern ein Stück seiner Welt, die nicht mehr respektiert wird – und der eigene Vater steht nicht zu ihm. Aber der Vater ist eben auch wieder in einem Zwang drin, er will es der neuen Partnerin recht machen.

Was unterschätzen Eltern am meisten?

Dass sie Eltern bleiben. Dass sie in ihrer Verantwortung drin bleiben, gemeinsam, ihren Kindern gegenüber. Das vergessen sie nicht einmal aus böser Absicht, sondern deshalb, weil sie so beschäftigt mit sich selbst sind. Und dann unterschätzen sie, dass die Kinder grösser werden. Und dass Eltern, die nicht gelernt haben, trotz aller Widrigkeiten Eltern zu bleiben, mit noch viel grösseren Problemen konfrontiert sind, wenn diese Kinder heranwachsen und ihre Begleitung anspruchsvoller wird. Ich stelle den Anspruch, dass Mütter und Väter lernen, zu unterscheiden, was Partnerebene und was Elternebene ist.

Täuscht der Eindruck oder werden Scheidungen tatsächlich immer erbitterter geführt?

In einem gewissen Sinn ja. Da sind viel mehr Emotionen im Spiel als früher. Früher handelte es sich oft um einen Vernunftentscheid: Man kam zum Schluss, dass es nicht mehr funktionierte, und trennte sich. Heute ist eine Ehe mit so vielen und so hohen Erwartungen verbunden, dass entsprechend viel Wut und Enttäuschung im Spiel sind, wenn es dann doch nicht klappt.

Das ist doch paradox: Heute, wo jede zweite Ehe scheitert und eine Scheidung kein Makel mehr ist, soll die Belastung grösser sein als früher?

Es ist eben trotz der Häufigkeit nicht selbstverständlich. Ich kenne Paare, die haben durch die Scheidung den ganzen Freundeskreis verloren, weil das nicht akzeptiert wurde. Zudem werden Frauen immer noch mehr verurteilt oder geächtet dafür. Eine geschiedene Frau steht gesellschaftlich anders da als ein geschiedener Mann.

Leave a Reply

  

  

  

*