Positives Denken kritisch betrachtet

Der Wahn des positiven Denkens

Optimismus ist gut. Man kann es aber auch übertreiben. Die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich beschreibt in einem klugen Buch, wie Amerika unter dem Zwang zum positiven Denken verblödet.

Als Barbara Ehrenreich vor neun Jahren ihre Brustkrebsdiagnose erhielt, ging sie damit einigermassen pragmatisch um. Als Doktorin der Biologie verstand sie die medizinischen Zusammenhänge und auch, wie die Behandlung wirken würde; Angst hatte sie trotzdem, verständlicherweise. Sie suchte Informationen im Netz. Fand zahlreiche Blogs von Betroffenen. Und begann, Fragen zu stellen, zur Operation, zum Haarausfall, zu den Schmerzen. Zu ihrer Verblüffung erhielt sie den Rat, schleunigst einen Therapeuten aufzusuchen: Mit so einer negativen Haltung, hiess es unisono, habe sie keine Chance, gesund zu werden. Sie müsse dringend an ihrer Einstellung arbeiten. Positiv müsse die sein, p-o-s-i-t-i-v! Und sie selbst müsse den Krebs als eine wunderbare Möglichkeit erkennen, sich persönlich und spirituell weiterzuentwickeln.

Ehrenreich konnte ihrer Krankheit beim besten Willen nichts Positives abgewinnen, sie empfand sie als ungerecht, war wütend. Aber sie konnte nirgendwohin mit ihrem Zorn, Empfindungen dieser Art, schien es, hatte man sich in ihrem Land abgewöhnt. Sie erinnerte sich, dass auch Lance Armstrong in einer völligen Selbstverständlichkeit einst gesagt hatte: «Der Krebs ist das Beste, was mir in meinem Leben je passiert ist.» Sie begriff: Hier ging es nicht darum, tapfer zu sein, und schon gar nicht um eine gesunde Portion Optimismus, sondern um den Glauben, kraft positiven Denkens dem Krebs den Garaus machen zu können. Um eine Haltung, die zu einem kollektiven Wahn geworden war und die da lautet: Alles ist möglich, man muss nur fest genug wollen. Man muss nur genug positiv sein.

Angst vor negativen Gefühlen

Barbara Ehrenreich ist keine verbitterte, humorlose Frau. Sie findet es gut, wenn Menschen glücklich sind. Und sie anerkennt durchaus, wie wichtig die Befreiung vom strengen, nach heutigem Verständnis «negativen» Calvinismus in der Mitte des 19. Jahrhunderts war, als die Menschen nicht mehr länger einen immer strafenden Gott fürchten mussten. Das Glück liegt in dir selbst, versprach dieser neue Ansatz. Er wirkte befreiend, weil er die Amerikaner tatkräftig machte, weil dadurch diese «Let’s do it»-Mentalität entstand, neben der Europa immer etwas zaudernd wirkte.

Die begrüssenswerte Entwicklung ist aber längst aus dem Ruder gelaufen. Ehrenreich sieht im positiven Denken heute ein System, das den Menschen eben gerade nicht glücklich macht, sondern vielmehr unter Druck setzt. Gerade im Krankheitsfall wird dies zur zusätzlichen Belastung. In ihrem Buch «Smile or Die» berichtet sie von Patienten, die, angeschlagen und gezeichnet, so sehr darum bemüht sind, positiv zu sein, dass die Angst vor negativen Gefühlen grösser war als vor der Krankheit an sich. Wenn sie einen Rückfall erleiden, trotz allen positiven Denkens, kommen Schuldgefühle dazu, fühlen sie sich als Versager. Weil sie nicht genug fest gewollt haben. Ganz die Wissenschaftlerin, die sie vor ihrer journalistischen Karriere war, zitiert Ehrenreich an dieser Stelle aus zahlreichen Studien, nach denen noch nie ein günstiger Effekt des positiven Denkens auf eine Krankheit wie Krebs nachzuweisen war.

Motivation wohin man schaut

Und sie holt aus, zu einem bitterbösen Rundumschlag, der zeigt, wie sehr das positive Denken längst alle Bereiche des amerikanischen Lebens beherrscht, nicht nur dann, wenn es um schwere Krankheiten geht: immer nur das Positive sehen, selbst dann, wenn das Glas nicht nur leer ist, sondern längst zerbrochen am Boden liegt. Die Folgen dieses «always look on the bright side» sind überall spürbar, bis hin zur Finanzwelt, und Ehrenreich liefert Beispiele zuhauf; bisweilen sind sie so bizarr, dass man als Europäer zutiefst dankbar ist, dass bei uns die milliardenschwere Daumen-hoch-Industrie von Motivationsseminaren, -trainern, -büchern und -CDs nie so richtig Fuss fassen konnte. Dennoch sind auch wir nicht verschont geblieben, vor allem in der globalisierten Wirtschaftswelt nicht, wo Angestellten auch in der Schweiz schon mal gesagt wird, sie sollen ihre Entlassung als «Chance» betrachten.

Und ebenda begann es ja auch aus dem Ruder zu laufen, das positive Denken, in der Arbeitswelt der Achtziger, als man in den USA den Angestellten Entlassungen quasi als Geschenk verkaufte, als Möglichkeit, persönlich weiterzukommen. Die Strategie eignete sich perfekt, um Kritik oder gar Protest im Keim zu ersticken, man präsentierte den Leuten einfach schlechte Nachrichten als gute. Und viele Amerikaner mochten gerne daran glauben. Bücher von Betroffenen mit Titeln wie «Wir wurden entlassen, und es war das Beste, was uns je passiert ist» zeugten davon; die Entlassenen spielten das Spiel mit, als dankbare Handlanger derer, die sie manipulierten.

Kritische Haltung ist verpönt

Barbara Ehrenreich fragt: Wie soll der blosse Vorgang des positiven Denkens eine bestimmte Tatsache verändern können? Da habe sich ein Land ein Mantra zusammengeschustert, das dem Aberglauben gefährlich nahekomme.

Und sie sagt: Dieses Land muss wieder begreifen, dass das Gegenteil des positiven Denkens nicht Pessimismus ist. Sondern die Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen und kritisch zu hinterfragen. Dies ist aber mittlerweile derart verpönt, dass allein «negativ sein» ein Kündigungsgrund sein kann. Wobei dieses «negativ sein» schlicht darin bestehen kann, zu viele Fragen zu stellen und damit unangenehm zu sein.

Die Realität wird ausgeblendet

Hier zieht Ehrenreich einen etwas gewagten Schluss: Sie führt aus, wie positives Denken beziehungsweise dessen groteske Auswüchse unter anderem den Finanzkollaps überhaupt erst ermöglicht hätten. Wer kritisch nachfragte, gewisse Handlungen hinterfragte, am Erfolg zweifelte, Risiken als zu hoch einschätzte, der hatte «a negative attitude». Und das mochte man gar nicht, die Leute wurden entlassen oder mundtot gemacht.

Das mag nun eine etwas einseitige Betrachtungsweise sein, allein, was sie damit sagen will, ist klar: Wenn positives Denken zur Folge hat, dass Unangenehmes nicht mehr thematisiert werden darf, weil damit die kollektive Harmonie gestört wird, dann ist das nicht positiv und nicht gut. Es führt dazu, dass die Realität ausgeblendet wird, dass man sich eine eigene, harmlose Welt zusammenzimmert. Probleme werden so keine gelöst. Und das, sagt Ehrenreich, kann sich Amerika nicht leisten.

Barbara Ehrenreich: Smile or Die. How Positive Thinking Fooled America & the World. Granta Publications, London 2009. 235 S., ca. 28 Fr.

Quelle:
Tages-Anzeiger
Erstellt: 04.02.2010, 08:52 Uhr

http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Der-Wahn-des-positiven-Denkens/story/29738758

 

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